Im Sommer ist das Leben doch einfach voll okay. Die Menschen sind kontaktfreudig und die Sorgen verblassen gegen das satte Blau des Himmels. Das ist Überall so, ein globales Phänomen quasi. Der Berliner Sommer ist aber zudem die Wiedergutmachung für Monate des Leidens, Frierens und Alltagsgraus. Auch wenn wir uns meist tapfer abzulenken versuchen – den ganzen langen Winter – kaum hat die Hitze die Stadt überflutet, wird uns bewusst, wie tief sich das russische Klima in unsere Glieder gefressen hat, wie sehr wir ausgehungert sind nach Frischluft, Freikörper und Fahrradfahren. Als wüsste unsere Hauptstadt ganz genau, dass sie schleunigst etwas tun muss, wenn sie uns nicht auf Dauer vertreiben will, legt sie plötzlich richtig los. Von null auf hundert, von 12 Grad auf 32 Grad, von Berghain auf Beachbar.
„Kein schöner Land zu dieser Zeit, als hier das unsere, weit und breit. Wenn wir uns finden, wohl unter Linden zur Abendzeit“ – was Anton Wilhelm von Zuccalmaglio 1920 über seine Heimat reimte, hat auch hier und heute nichts an seiner Gültigkeit eingebußt: Linden gibt es in Berlin en masse – und was könnte schöner sein, als hier bei Mörderhitze und Weißweinschorle am Pool zu flanieren, gute Freunde an der Seite, cooler Sound im Ohr, der neuste Trend am Körper. Letzteres wird zur
Herausforderung, wenn man, wie Viola, morgens das Haus verlässt und erst lange nach Mitternacht dorthin zurückkehrt. Als echte Berlinerin, Schrägstrich Partynista, Schrägstrich Modemädchen, weiß Viola, wie wichtig das richtige Outfit ist. Ihr 24 Stunden Berlinlook muss also praktisch sein, ungekünstelt aussehen, aber immer fresh! Wenn Viola morgens ihre Schranktüren öffnet, sucht sie nach Wandlungsfähigkeit. Der Bikini ersetzt die Unterwäsche. Ein langes, schmal geschnittenes Baumwoll-Shirt von MultiColorShirt wird in die Jeansshorts gesteckt, ein Seidentuch als Gürtel durch die Schlaufen gezogen, Leo-Loafers an die Füße, fertig ist der lässige Daylook. Abends tauscht Viola die Schuhe gegen aufregende Sandaletten, ein Gürtel macht das Shirt zum sexy Minikleid, das Tuch dient jetzt als Haarband, um zu kaschieren, was Pool und Schweiß ihrer Frisur im Laufe des Tages angetan haben. Strandtuch, Shorts und Slipper in die Tasche gepackt – und ab in die Nacht. So tolerant Berlin in vielen Dingen auch ist, its all about the look, baby! Steht das Outfit, gilt es sich eigentlich nur noch zu entscheiden, wo man seinen Luxuskörper in der Sonne ausstrecken möchte – und dann muss man auch noch reinkommen. Denn auch das gehört zu einer Metropole, wie der Beachbody zum Sommer: das Überangebot an Locations bedeutet nicht, dass sich die Masse der hungrigen Großstädter großflächig über die Selbige verteilt – nein, nein! Es ist entweder voll oder leer.
Auch das ist, wie Berlin an sich, nichts für Anfänger. Schließlich muss man sich entweder sehhhhhhr locker machen oder sehr gut connected sein: Wo muss ich wann mit wem hin, um am Ende nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu enden? Oder gar 3 Stunden Schlange zu stehen und zu lächeln, bevor ich endlich shaken kann, what my mama gave me. Wer in einer Kleinstadt lebt, hat diese Probleme nicht. Da gibt es einen angesagten Club, einen schönen Biergarten, einen Badesee in der Nähe und das richtige Ufer, ist schnell gefunden. Nicht so in Berlin: Badeseen gibt es wie Sand am Meer und Strandbars findet man am Spreeufer, inmitten in der City und auf den Dächern der Stadt. Es wird Gefeiert, Geplanscht, Gequatscht als gäbe es kein Morgen. Musiker überfluten die Strassen und Parks, Konzerte gibt es umsonst und draußen – die Luft ist heiß und wer sie einatmet, ist angefixt, will mehr erleben, mehr spüren, mehr tanzen, mehr trinken. Man muss seine Batterien wieder laden, für den nächsten harten Winter. Wer Berlin im Sommer den Rücken kehrt, um pauschal am Strand zu liegen und all inclusive Buffets zu plündern, bestraft sich selbst. Denn der Berliner Sommer ist eben Berlin: es gibt alles und das ständig und überall gleichzeitig. Für jeden etwas und das ganze bei Tag und bei Nacht.
